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Literatur und Politik, nicht statt Politik - Thema Deutschunterricht

Literatur und Politik, nicht statt Politik - Thema Deutschunterricht

Bei der Beschäftigung mit einer Abituraufgabe der letzten Jahren und anschließend einer mündlichen Prüfung zu Goethes Faust hatte ich Gelegenheit mitanzusehen, wie die politischen Implikationen des Fachs Deutsch Schülerinnen abstoßen. Zu noch von Roman Herzog aufgelisteten Bestandteilen des Kanons fehlt der Bezug, und Goethes Faust schleppt neben den sozialen Besides zu den übereilten Verurteilungen weiblicher Unbeholfenheit auch den Deus ex machina Einwurf mit, "sie", also das Gretchen, sei "gerettet". Sitzt sie dann noch am Spiegel und missversteht vielleicht die Lehre der Balladen, gibt sich der Faszination der finanziellen Geborgenheit hin, sieht man sich schnell gefüttert mit moralischen Weisheiten über die zwar gutmeinenden, naiven, blinden, aber dann doch auch unbescheidenen, von ihrer Not auch wider besseres Wissen handelnden, enthemmten Frauen, die übel enden. Die Idee des Kanons  und des gemeinsamen Horizontes ist ja, dass es Themen und einen Formenschatz gibt, über den man sich verständigen kann, indem man einfach voraussetzt, dass der soziale Kontext desselbe 'Wissen' darüber hat. Nachdem in demselben Funfjahreszeitraum in Abiturprüfungen noch einmal der forschende Mensch in der Literatur angeboten wurde, und Frankenstein ( ja ein -wenn auch erfundener - Arzt, kein Monster), zwar als Topos und literarische Figur erwähnt wird, als wäre er Doktor Faustus, - aber eben nicht als Romanfigur von Mary Shelley, in deren Roman, der sich souverän mit den zeitgenössischen Naturforschungen auseinandersetzt, zweifle ich, ob es dieses gemeinsame *Wissen* jemals geben kann. Der Streit um den Kanon betrifft ja nicht nur die Wahl der Texte - auch dies ist allerdings absolut nicht vom Tisch - sondern auch die Art und Weise, wie man diese Texte liest und versteht. Manches, das gelesen werden sollte, also auf den Lektürelisten der Ministerien zu finden ist, setzt voraus, dass die DeutschlehrerInnen es richtig lesen - also als Listentext und Buchtitel, nicht aber als Unterrichtslektüre ! So eben z.B. das Buch von Shelley.

Was mit der Goethe Lektüre, wie man sie vorfindet, vermittelt wird, sind eigentlich keine Ideale der Klassik, nicht einmal. Es ist auch eine Frage der Szenenwahl, ob man den Sprung schafft, das Defizitäre des Verhaltens nicht auf das Profane des faust'schen Wissens und das Wirken der 'Schlechteren', also Mephistos und Gretchens, zurückzuführen, mit denen man sich also besser überhaupt nicht einließe. Die tölpeln oder fieseln sich durchs Leben, in das der Gelehrte nur kurzweilig hineinstrauchelt, um sich von der Endlich- und Vergeblichkeit des Menschseins zu überzeugen. Selbst wenn man den Text historisch-politisch betrachtet, also die Figur des Gretchens als Hinweis auf inhumane Verurteilungen von Frauen, deren Kinder aus nicht von ihnen zu verantwortenden oder nicht willentlich herbeigeführten Gründen,starben so wie man Kleists Michael Kohlhaas als Kritik an Unrechtsjustiz lesen kann, schlägt man sich doch mit dem Problem herum, dass Margarete ihre Probleme nicht selbst lösen kann und scheitert. Was taugt die Beschäftigung mit klassischen Idealen und deren Idealität, wenn man doch vor allem vorgeführt bekommt, dass Frauen Moralitätsfragen aufwerfen, weil sie den Idealen nicht entsprechen. Sollen wir uns unbedingt nicht mögen ??? Wo ist unsere Bürgschaft ? Oder zumindest Iphigenie oder Faust als gleichberechtigte Wahltexte ?

Wenn SchülerInnen nicht einmal wissen dürfen, dass Mary Shelley, also keine literarische Figur, sondern eine wirklich existierende Frau, immerhin die geistige Souveränität hatte, neben den naturwissenschaftlichen Entwicklungen auch das moralische Problem der Forschungsfolgen zu reflektieren...während Goethes Faust sich zumindest oberflächlich mit schlechter Allerweltsmoral *a la "Du willst nur mein Geld*, "Du kannst doch alleine mit einem Kind überhaupt nicht umgehen", "Du verstehst ja nicht einmal meine Kunst" beschäftigt. Die Zuordnung von Primärproblemen bei Faust und Margarete ist zudem so körpergebunden, dass keine Genderdiskussion sie erfasst - sofern die Gendertheorie überhaupt mit sozial-realen Gleichberechtigungsproblemen von Frauen zu tun hat - es geht ja in den relevanten Fällen nicht darum, wie wir uns fühlen, sondern was Frauen gesetzlich dürfen und wie viel Geld sie verdienen.

.Auch mit Jugendromanen, in denen Schwangerschaftsabbrüche thematisiert werden, füttert das Fach orientierungssuchende Menschen mit der für das jeweilige Bundesland spezifischen Politik, als klassische, bewährte Moral verpackt. Die Wirkung auf Schülerinnen ist häufig Überaffirmation oder Abstoßung. Das Unterjubeln von Moralpaketen ist eigentlich ein Affront, zumal die Zustimmung ja noch unter dem Deckmantel der richtigen Interpretation abgefragt wird. Um Literatur als Universum der sprachlichen Gestaltung kennenzulernen, was dem Fach viel näher käme, sollte man lieber Faust 2 lesen oder gleich einen modernen Text, der das Prinzip der 'Welthaltigkeit' als eines vorführt, das Literatur selbst kritisch in Frage stellen kann, anstatt es auf die schlichte Stammtischrealität patriachaler Kulturen zu reduzieren.  Möchte man Welthaltigkeit in der Literatur vorführen, wäre eine andere Textwahl - also z.B. wirklich Mary Shelleys Frankenstein -, die zeitgenössische Diskussionen in weiterer Perspektive aufnimmt, viel besser. Leider gibt es ja keinen vergleichbaren deutschen Text aus der Zeit, denn Goethes Wahlverwandtschaften z.B. sind in der Reflexion wissenschaftlicher Bestrebungen der Zeit viel nebulöser. Also sollte  lieber gleich die Idee verabschiedet werden, es wäre möglich, den einen Standard-Prüfungstext zu finden und das 'gemeinsame' Abklopfen von klassisch verhobenen Verachtungsstrategien unterlassen. Stattdessen können Texte thematisch zusammengestellt werden, die verdeutlichen, wie z.B. im Zeitraum der deutschen Klassik Literatur versuchte, auf die Gegenwartsrealität der Autorinnen, Autoren, Leserinnen und Leser Bezug zu nehmen - eben auch im Gegensatz zur mythisch-abgeschlossenen oder burlesk-irrealen Literaturwelt des Barock. Und inwiefern ist Fausts Goethe weit genug davon entfernt ? Ständig begleitet von der Fiktionsfigur Mephisto, lässt sich die Figur des Doktor Faustus kaum selber als genuin ignoranter Repräsentant bürgerlichen Gelehrten-Wohlstands und damit verbundener Vorrechte gegenüber den eigentlich im Drama deutlich genug benannten üblichen Opfern von Burschen und Bürgern, den sozial niedrigeren Frauen, verstehen. Die selbstreflektive Sozialkritik im Text ist über alle Maßen versteckt, aber doch irgendwie deutlich, denn Goethe selbst konnte es sich leisten, sozial 'nach unten' zu heiraten, also einer Art 'Gretchen' gegenüber fair zu sein, - eben moralisch, nicht politisch - im Gegensatz zu Schiller, der seine Ehe wirtschaftlich-sozial instrumentalisierte (sicher nichts Ungewöhnliches). Die Bezugnahme auf reale, soziale Verhältnisse im Text ist fast so versteckt wie in kryptischen Diskursen - eben natürlich auch aus sozialen Gründen und weil Goethe mit Anspielungen und individuellen Moralhandlungen wohl ganz zufrieden war. Entsprechend kann man aber nicht davon sprechen, dass die oberflächliche Stammtischmoral des "Sowas nicht machen!", "Immer schön aufpassen!" usw. den Text auch nur einigermaßen erfasst. Viel eher wächst mit der Art und Weise, wie man meint, "Klassiker" spezifizieren zu können und deren Sinn abfragbar aufzulisten,  das Unverständnis von Literatur. 

Wenn die Buchmesse also aus aktuellem Grund das Thema Literatur und Politik wieder aufnimmt, schließt das - tatsächlich auch in Form von Veranstaltungen - das Thema des Kanonischen, der Werke von Frauen, und des Umgangs von Literatur, den man Jugendlichen vermitteln möchte ein. 

Veranstaltung zum Thema in den Fotos zum Blogbeitrag, u.a. 10.10. 13.- 14.00 Uhr Pictures Build Realities (wir nehmen teil) und 13.10. (ca 14.00-15.00 Uhr) "Nicht verhandelbar - Integration nur mit Frauenrechten". Julia Klöckner im Gespräch mit Susanne Beyer, Der Spiegel)

 

 

  

 

 

FeminismusHeute 06.10.2018 0 41
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