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Was ist Feminismus heute

Irland schaffte jüngst einen Riesenschritt zu mehr Selbstbestimmung und Mündigkeit von Frauen, als ein Referendum mit erdrutschartiger Eindeutigkeit ergab, dass das irische Volk das dort bislang herrschende, frauenfeindliche Abtreibungsrecht ablehnt und reformieren will hin zu mehr Entscheidungsvermögen betroffener Frauen.

Weniger als ein Prozent der Frauen, die ich in einem Community-Netzwerk kenne, äußerte sich zugunsten dieser Entscheidung. Einige kommen aus Bayern, das ja mit einem ähnlich strengen Recht, wie die Iren es jetzt abgeschafft haben, seit Jahrzehnten in Deutschland alleine dasteht. Selbst in Bayern gibt es allerdings die Pille danach (24 Stunden), und berechtigte Empörung in den Medien, wenn katholische Krankenhäuser Frauen diese Pille verweigern. 

Eine Normalisierung des Abtreibungsrechts zu mehr Selbstbestimmung der Betroffenen bedeutet nicht, dass mit potenziell selbstständigem Leben im Bauch der Mutter verantwortungslos umgegangen wird, sondern dass Frauen als Bürgerinnen ernst genommen werden, die moralisch verantwortliche Entscheidungen treffen können. Diese Grundhaltung gegenüber Frauen gehört wesentlich zu einer repräsentationalen Demokratie. Die Mündigkeit der Wählenden ist einer der Grundgedanken der Aufklärung, die unsere heutige Gesellschaftsstruktur begründet, mühsam und gegen furchtbare Rückschritte dem Absolutismus und den autoritären Strukturen der Kirche abgerungen hat.

Das Wahlrecht und Gleichheit auch für Frauen gelten, sind wichtige Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Wenn die "Bundeszentrale für politische Bildung" zum Thema Frauenpolitik jedoch nur die Schlagworte "Geburtenrückgang" und "Altenversorgung" in ihr Abstrakt aufnimmt, sieht man wohl zurecht beides gefährdet. Viele Frauen leben wie  "unser Kanzler" (in der noch oder wieder beliebten Schreibweise des 'generalisierten Maskulinums'), ohne Kinder, und möchten lieber genug verdienen, um ihre Eltern bei der Bezahlung von Pflegekräften zu unterstützen als selber die Versorgung zu übernehmen. Die Behauptung, dann sei man eben wie ein Mann und hätte dieselben Chancen und Rechte, ist nicht einmal theoretisch zutreffend. 

"Seit 1990", so die Zäsur der Bundeszentrale, verloren vor allem Frauen ihren Arbeitsplatz, weil man quasi gleich quotierte Verteilungen in nicht traditionell weiblichen oder neutralen Berufen nicht als förderlich empfand. Natürlich darf es heute ab und an Frauen in technischen, naturwissenschaftlichen oder informationswissenschaftlichen Berufen geben - nur eben je höher und besser bezahlt, desto weniger. Die Frauenquoten in den Entscheidungsetagen liegen noch immer unter 30 %. Bestimmte Industriezweige wie die Autoindustrie, Maschinenbau und Rüstungsindustrie, die von der Bundesregierung massiv gefördert werden, haben noch sehr viel schlechtere Quoten, sobald gehaltsintensivere Positionen betrachtet werden.  Und selbst dort, wo Geld fließt, bei den SEOs der großen Unternehmen, haben Untersuchungen des Economist jüngst ergeben, dass Frauen bei den individuell ausgehandelten Gehältern schlechter abschneiden, weil schon die Basis der Gehaltsverhandlungen nach unten gehängt wird. 

Das Problem ist also nicht, dass bei gleicher 'neutraler' Arbeit Frauen schlechter bezahlt werden, sondern dass immer noch viel zu viele Arbeitsbereiche mit Vorurteilen bezüglich der geschlechtsspezifschen Eignung besetzt sind. Damit einher geht dann auch eine klare Linie zwischen guter Bezahlung und schlechter. 

Diese Vorurteile werden von Schulen (u.a. per behördlicher Vorgabe) über Bücher und Lehrkräfte, Prüfungsthemen und deren praktische Umsetzung,von PsychologInnen und Eltern, Peer-Groups und Unterhaltungsmedien in junge Menschen hineingefüttert, die mit indviduellen Vorteilsnahmen und Gunstverteilungen meistens ausgelastet sind oder sich politisch an den großen Themen orientieren, wie dem Zuzug von Flüchtlingen und dem Islam. 

Es gibt andererseits von Seiten keiner der Bundestagsparteien eine frauenpolitische Perspektive auf die wirtschaftlichen Konsequenzen von Zuzug und konservativen Religionen für Frauen. Dem kulturellen Hintergrund der Zuziehenden sind in der Regel politische und wirtschaftliche Unabhängigkeits- und Gleichberechtigungsansprüche fremd. Eine Umfrage der Wochenzeitschrift Die Zeit, bei der die Redaktion gebildete Menschen mit guten Deutschkenntnissen aus islamischen Regionen fragte, was sie an Deutschland schätzen, ergab eine unbefangene Affinität zum Nationalsozialismus und sogar zu Hitler, der als "Macher" verklärt wurde. Je niedriger der Bildungsgrad und je größer die zeitliche Investition in das eigene, wirtschaftliche Fortkommen, desto kleiner wird die Vorsicht gegenüber Autorität und Missbrauch, und umso geringer wird das Augenmerk für den langfristigen Vorteil gemeinsamer Interessenserfüllungen. Von der höheren wirtschaftlichen Existenzbasis abgesehen, wird damit die deutschstämmige, aus staatlicher Sicht derzeit ideale Familie aus einem Ehepaar mit zwei Kindern, und Eltern in geschlechtsspezifisch traditionell orientierten Berufen, der Zugezogenen-Familie sehr ähnlich, insofern das Theorie- und Kulturpotenzial betrachtet wird: Der Ehemann technisch und Vollzeit, die Ehefrau sprachlich-sozial-helfend und Teilzeit - mit  Neu- oder Jahreswagen und einem darlehensfinanzierten Haus oder mit Gebrauchtwagen und kleinem Wohneigentum in entlegenen Regionen. Bei einem Grundbedarf von ca 2500 bis 3000  Euro monatlich zur Abzahlung von Krediten lässt das psychologische Stresspotenzial der deutschen, kulturell stärker demokratie-geschulten Familie bei einem Familieneinkommen von 5000 Euro brutto steten Fortgang bei dem Ausbleiben von Störfakten zu, aber keine längere Arbeitslosigkeit des Mannes oder strukturelle Änderungswünsche der Frau. Der Durchschnittsverdienst (von Männern) von 2900 Euro brutto dürfte schon nicht reichen, oder finanzielle Verpflichtungen an die Folgegeneration weiterreichen. Das Haus erbt dann üblicherweise wieder derjenige, der der Bank am kreditwürdigsten erscheint, bei relativ gleichen Werdegängen der älteste Sohn. Wirtschaftlich in dieser zwingenden Weise Vollintegrierten und NeubürgerInnen erscheinen solche wirtschaftlichen Gepflogenheiten aus der herrschenden, wirtschaftlichen Sicht einschlägiger als die Prinzipien der Demokratien von den antiken Griechen bis heute, auch wenn letztere die Basis dafür bilden, dass Deutschland (immer wieder) und Europa allgemein jenseits der Willkür und Zerstörungswut von Tyrannen prosperieren konnte.

Liest man heute in feministischen Foren, dass "nur noch" Studentinnen feministische Diskussionen führen, liegt es offenbar daran,  dass nur an den Universitäten noch die Gelegenheit zu politischem Denken, das Verhältnisse kritisch betrachtet und reflektieren kann, besteht. Die darauffolgenden Arbeits- oder Eheverhältnisse  lassen eine solche Betrachtung offenbar zeitlich und inhaltlich nicht zu. Für eine (teilzeitbeschäftigte) Geringverdienerin  ist der Sturz aus der Beziehung, die den Wohlstandsrahmen bildet, in die soziale Armut mit geringfügigen Jobs sehr viel härter als für einen gleichaltrigen Mann mit Vollzeitstellung und Arbeitslosengeld zur Überbrückung. Dieses Problem gilt nicht nur für Frauen mit Kindern, sondern für alle Frauen, wenn diese in traditionellen Berufen ohne besondere Qualifikation (ohne Abteilungsleitung, Meisterin, Zusatzqualifikation) als Vollzeitkaft arbeiten (Verkauf, Pflege) oder eben wegen ihrer höheren Qualifikation keine Vollzeitstelle sondern nur Vertretungen, Aufträge und Teilzeitangebote finden (Lehrerinnen, Journalismus, PR, Medizin, Wissenschaften etc.). Es stellt sich neu, wenn ein Ehemann früher stirbt und z. B. das gemeinsam genutzte Haus noch eine Hypothekenlast trägt, die Frau aber von ihrer Nebentätigkeit nicht einmal die Miete für eine einigermaßen ordentliche Wohnung bezahlen kann.

Für Frauen in solchen Siuationen ist die Ehe nicht eine soziale Gemeinschaft, sondern auch ein wirtschaftlich existenzieller 'Arbeitsplatz'. An diesen Verhältnissen, die wegen ihrer Nähe zur Prostitution die Feministinnen der 60er und 70er Jahre auf die Palme brachten, bis man in den 80er Jahren meinte, die Verhältnisse seien weit genug korrigiert, hat sich noch nicht  genug geändert. Die Zustände werden lediglich gemildert durch die Spätfolgen des Wirtschaftswunders und die häufig noch vorhandene Bausubstanz aus den Anlagen der männlichen  30er und 40er Generation, die von den historischen Ereignissen maßlos profitierte. Entschuldetes Wohneigentum im Erbvermögen hilft natürlich den Kindern beiderlei Geschlechts oder ermöglicht je nach Tempo der Generationsfolge so etablierten Eltern die entsprechende finanzielle Absicherung ihrer Kinder. Wirtschaftlich erfolgreiche Frauen sind andererseits auch gelegentlich Produkte von Familien, die weibliche Leistungen und Chancen eher unterbewerten. Die jungen Frauen landen so durch mangelnde Förderung ihrer schulischen oder gar akademischen Bildung in Berufen, in denen sie eigentlich unterfordert sind. Mangels Alternativen, die bei jungen Menschen nun einmal stark über den sozialen Kontext bestimmt werden, integrieren sie sich besonders gut und arbeiten engagiert, sodass sie durchaus ein gutes Einkommen, eine Vollzeitstelle und entsprechende berufliche Förderung erfahren können. Ab einem bestimmten Punkt kommen sie allerdings in die Entscheidungszone, ob Kinder oder nicht, sodass Unternehmen sie gegenüber gleichalten und gleichqualifizierten Männern wegen dieser Ausfalloption niedriger bewerten. Da sie also vor allem erfolgreich sind, solange sie jung sind, also vor dieser kritischen Phase, kommen sie nicht in die höheren Gehaltsgruppen der kontinuierlich Beförderten.

Für Frauen mit kleinen Kindern gibt es schon aus zeitlichen Gründen keine Möglichkeit, sich wirtschaftlich allein so zu etablieren, dass sie über einem Geringsteinkommen liegen. Dass eine Familie später in die Situation kommt, dass die Frau ein höheres EInkommen hätte und der Ehemann deshalb Teilzeit arbeitet, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber meistens aufgrund der derzeit noch herrschenden Verhältnisse mit beruflicher Erfolglosigkeit des Mannes verbunden, der für die Familie dann eben auf andere Art psychischen Stress bedeutet, z.B. eben weil damit auch die Bedeutung des Ehemannes für Frau und Kinder sinkt. 

Im Gegensatz zu Frauen dürfen Männer auch Überlegungen bzgl. des Machtgefüges in der Ehe und Autoritätswünsche offen äußern. Eine feministische Theoriediskussion, die die wirtschaftliche Abhängigkeit oder Benachteiligung von Frauen in den Mittelpunkt stellt und politische Entscheidungen unter diesem Aspekt betrachtet, kann unter solchen Voraussetzungen natürlich unter den EhepartnerInnen kaum geführt werden. Zwar leben Menschen, die das Ziel verfolgen, verantwortlich zu handeln, häufig mit eigenen Interessenskonflikten, aber ein Ehemann, dessen emotionale Grundstruktur aus einer einem sozialen Zwang nahekommenden Relation profitiert, ist ein Grenzwert, auch wenn es Frauen systematisch aberzogen wird, diese Struktur wahrzunehmen oder nicht zu trivialisieren.

Erst wenn die Auflösung einer Ehe nicht mehr mit dem wirtschaftlichen Ruin von Frauen verbunden ist, kann man davon ausgehen, dass das politische Denken der verheirateten Mehrheit von Frauen ihre eigenen Bürgerinnenrechte unabhängig reflektiert. Insofern haben Frauenrechte und Frauenpolitik ohnehin immer noch einen schweren Stand. Dass die Bundeszentrale für politische Bildung im ersten Absatz ihres Internetartikels zum Stichwort "Frauenpolitik" lediglich Schlagworte auflistet, die das Thema umwidmen zur Gebärpolitik, ist ein erschreckendes Signal für die Wirkungskraft der Alibi-Politik, mit der seit den 90er Jahren konservative Frauen in repräsentative Führungspositionen befördert wurden, um den tatsächlichen Abbau von feministischen Errungenschaften wie der feministischen Forschung und Stellenpolitik und von 'weiblich' konnotierten Berufen vor allem im Kulturbereich zu kaschieren. 

Feminismus heute ist insofern ungefähr dort, wo Simone de Beauvoir kritisch die Augenbraue hob, nur mit dem patriachalen Gepäck auf dem Rücken, dass die nachfolgenden Emanzipationsbestrebungen als obsolet gelten. - Und zwar undankbar bei genau der Partei, die mit der ostemanzipierten Merkel, die sich naiv als Alibi-Kanzlerinnen-Ikone eignet, aber schon einigermaßen kompetent auftritt - eben aus dem Osten - , gegen die McKinsey & Blondinen verzettelte SPD an die Macht kam, die sie jetzt seit Jahren freundlich teilen kann, weil die Sozialdemokraten sich auf die gut zur CDU/CSU passende Wählergruppe der männlichen Industriearbeiter fixiert hat, die sie in den geförderten Industriezweigen sehr gut wiederfindet. Die nächste Wähler- und Wählerinnengeneration wird stärker als heute von integrierten NeubürgerInnen geprägt sein, die sich in diesem höfisch gepuderten Konservatismus wiederfinden, und sowohl Alibifrauen , die auf Kosten von Frauen Politik für Männer und Söhne machen, akzeptieren, sofern sie nicht zur eigenen Familie gehören, als auch jede Diskussion überhören, die mehr vorbringt als die falsche Behauptung "Die Männer müssen ja auch die Familie versorgen". 

FeminismusHeute 08.08.2018 0 175
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